Zum 40. Jahrestag der Sprengung der alten Universitätskirche St. Pauli hat es am Abend ein Gedenkkonzert in der Thomaskirche gegeben. Das Gotteshaus, in dem Bach einst musizierte, war bis auf den letzten Platz besetzt, viele Besucher hatten nur einen Stehplatz. Der Leipziger Universitätschor und das Mendelssohnorchester führten neben einer Bachmotette ein neues Werk namens „Epitaph“ auf, sowie die 10. Sym. von Schostakowitsch (für alle Werke, insb. für Schost. große Begeisterung bei den Zuhörern). Als ich in der Kirchenbank Platz genommen hatte, erzählte mir eine ältere Frau ruhig und freundlich, sie könne sich noch genau erinnern, wo sie am Morgen des 30. Mai 1968 gewesen, was sie in dieser Stunde getan habe, nahezu jeder Leipziger, der die Sprengung miterlebte, wisse das.
Auch Wolfgang Tiefensee sagte, er saß als Schüler in seiner Klasse, als er den Schlag hörte. Die Explosion war wohl in der gesamten Stadt zu hören. Später, nach der Sprengung und einem plattenmäßigen Neubau Anf. der 70er, hat man ein Marx Relief an der Stelle aufgebaut. Ich habe das Monstrum noch an der Originalstelle gesehen, es spiegelte für mich die ästhetische Seite eines menschenverachtenden Staats-Brutalismus wieder. Jetzt, nach Abriß des Plattenbaus und Demontage des Reliefs, entsteht der Neubau des niederländ. Architekten Erick van Egeraat inkl. „Paula“, dem Kompromiß aus Andachtsraum und Aula.
Die philosophische Seite der Ereignisse ist nun die von Trennung von Kirche und Wissenschaft, über die Leipziger Bürger, die Stadt und die Universität aktuell streiten. Glaube und Wissenschaft sind in der Tat heute keine untrennbare Einheit mehr. Das müssen auch ev. Christen sehen. Insofern ist für mich eine Kompromisslösung keine schlechte Sache. Das Pamphlet in der Ausgabe der „Zeit“ vom 29. Mai von Evelyn Finger ist zwar journalistisch brilliant geschrieben, aber das ist mir in der Sache entschieden zu aggressiv.
Anders als zu Zeiten Luthers kann sich Wissenschaft (glücklicherweise) den Forderungen der Kirche entziehen. Sie muss es nicht, aber sie kann.
Was an Leipzig aber so lebendig ist, ist die Tatsache, dass sowohl die Kirche, als auch die Universität einen starken Platz in der Stadt, selbst bei den einfachsten Bürgern, einnehmen. Das macht Leipzig u.a. so einzigartig.
