Ökonomie der Beschimpfung
Ist der Preis der Unabhängigkeit die verbale Mobilmachung? Blogger können, wenn Sie nicht an ein Medium gebunden sind, formal und organisatorisch ja ziemlich unabhängig arbeiten, aber um nicht aufmerksamkeitsmäßig unterzugehen, müssen sie vielleicht sprachlich in die Vollen gehen: ist das die Logik der Blogosphäre? Jeder muss so viele Tabus wie möglich verletzen, quasi zuschlagen was das Zeug hält, eine Ökonomie der verbalen Brutalomanie.
Hmmm – vielleicht doch zu negativ 🙂

Nein. Volgas ohne Leistung bringt gar nichts. Man muss etwas leisten, man muss nachweisen, dass man inhaltlich was drauf hat, dann kann man sich auch gewisse Freiheiten herausnehmen.
Einfach nur ein unfähiges Referat abliefern und dann laut werden, weil man eine andere Meinung nicht erträgt, bringt einen hier draussen nicht wirklich weiter. Es ist eben so, dass viele Nutzer angeekelt sind von der glatten Fassade der medien und der Klüngelei dahinter, und es deshalb schätzen, wenn härter hingelangt wird. Wer sich mla mit der Frühzeit der deutschen Medien in der Reformation auseinandersetzt, kennt das: da wurde Professor Eck als Sau abgebildet und Luther als Dudelsack des Teufels. Da sind wir noch eine ganze Strecke von entfernt. Wie auch von Auseinandersetzungen im Judentum des 19. jahrhunderts, wo es zwischen Liberalen und Orthodoxen sehr laut gekracht hat. Man sollte es also im Vergleich sehen: Auch wir leben in einer Zeit des Umbruchs.
Letztendlich kommt es aber dann doch darauf an, inhaltliche Qualität zu liefern, sei es nun Geschichten erzählen, aufdecken oder Debatten anregen. Einfach nur rumschreien, weil einem gerade was nicht passt, ist nicht gerade sinnvoll. Leser haben ein Gespür für Substanz, man kann nicht ein paar tausend intelligente Leute jahrelang mit blosser Lautstärke an der Nase herumführen.
Ja, eigentlich geht es um das Aggressionspotenzial. Ich sollte präzisieren: Un die Ökonomie der Aggression.
Aggression kann gut sein, keine Frage. Neues entsteht meistens nicht durch Wegducken. Und Autoritäten angreifen kann durchaus positiv sein. Und ich gebe Dir völlig recht, das Ganze muss fundiert sein, muss auf Leistung aufbauen. Aber Aggression um jeden Preis ist gesellschaftlich auch gefährlich.
Ich glaube, Journalismus ist (zumindest zum Teil) Aggression, die gesellschaftlich positiv transformiert wird. Das hat bspw. der Spiegel der 60er und 70er Jahre gezeigt. Dass Journalisten dabei auch mal eben im Knast landen können, zeigt auch das persönliche Risiko einzelner Journalisten.