Vermarkter ihrer selbst

Frank Schirrmacher hat eine Lobrede auf die Zeitung gehalten und dabei gleich die grauenhaften Deformationen skizziert, die das Internet jetzt der jungen Generation beibringt. Sprach- und Moralverstümmelung und so. Warum aber wird die Zeitung “immer” unverzichtbar sein?

“Die Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten im Internet ist enorm, und auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden. Sie tauchen ebenso schnell auf, wie sie verschwinden. Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie ein retardierendes, also verzögerndes Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation, und gerade deshalb wird sie immer unverzichtbar sein.”

Also immer. Es sind genau solche Sätze, die mich nachdenklich werden lassen. Wenn jemand behauptet (und keinen einzigen empirischen oder historischen Beweis anführt) etwas werde “immer” so sein oder bleiben. Bei dieser Art von Rede können sich Schirrmacher und Weischenberg übrigens die Hand reichen. Weischenberg neulich in der Zeit (“Verkäufer ihrer selbst” [18.10.]) bläst ins gleiche Horn des pauschalisierenden Modernisierungspessimismus. Bei Weischenberg sind die Bösen “die Medien”, aber auch “die Blogosphäre”. Weischenberg:

“Denn inzwischen verschärft das Internet, vor allem die Blogosphäre, das Problem von Kommunikationsflut und Anschlusskommunikation. Die Informationsinflation sorgt vermehrt für einen Kollaps von Kommunikation.”

Mal abgesehen davon, dass dieser Satz vermehrt für einen Kollaps seines eigenen Sinns sorgt ;-) machen mich gerade diese Pauschalbehauptungen stutzig. O.k. das läuft alles unter “Feuilleton” oder “Debatte”; aber es sind eine Menge Behauptungen, die bisher nirgends eingelöst werden. Und neben dem Weischenberg Traktat – als wär’s abgesprochen – die Anzeige der FAZ: Dahinter steckt immer ein kluger Kopf. “Immer”. Wie gesagt: “Verkäufer ihrer selbst”.

Mit “Handeln statt Klagen”

werde ich heute vom Focus (Printausgabe) auf Seite 64 zitiert. Im Beitrag werden die Pros und Cons der neuen Personensuchmaschinen diskutiert. Focus hatte mich dazu telefoninterviewt. Spock.com funktionieren zwar bisher nur leidlich, aber Google hat ja auch mal klein angefangen.
focus44.jpgDatenschützer jedenfalls sind bereits alarmiert; ich plädiere dagegen eher für einen pragmatischen als ängstlichen Umgang mit der neuen Technik. Allerdings wird mein Argumnent etwas missverständlich transportiert: Ich sage nicht, dass man handeln soll, indem man Online-Detektive beauftragt, alte Datenspuren zu löschen, sondern im Gegenteil, dass man (von vornherein) bewußt und verantwortungsvoll mit seinen Daten umgehen soll. Denn Web 2.0 funktioniert nun mal nur über wechselseite Informationspreisgabe.

Insofern macht der Focus-Artikel genau das, was er den US-Personensuchmaschinen vorwirft: Er gruppiert Informationshäppchen neu und erzeugt somit einen neuen Zusammenhang. Und an dieser Stelle könnte ich nun einen wunderbaren Exkurs über “Realität und Massenmedien” und die “Konstruktivismusdebatte” anschließen: das schenke ich mir aber.

Artikel zum Thema gibt es dazu auf Engl. hier und hier.

Semester mit Aussicht

Das neue Semester hat begonnen; unter anderem unterrichte ich im Interimsgebäude “Brühl”, einem 10-stöckigen, architektonisch durchaus modernen Gebäude, das aus DDR-Zeiten stammt. Mein Seminarraum ist im 10.Stock, und wenn ich hochgelaufen bin (was des öfteren passiert, weil die Kapazität der Aufzüge nicht reicht), bin ich dem Herzinfarkt nahe, kann mich aber auch über eine tolle Aussicht freuen. Bruehlplatten
Studierende nehmen bereits vermehrt Kameras mit, um nach der Sitzung die Stadt von oben zu fotografieren. Hier sieht man den Blick auf drei ehem. Wohnblöcke, die demnächst abgerissen werden. Künstler haben sie vor dem Abriss gestaltet. An der Stelle soll ein Einkaufszentrum entstehen.

Leipziger Preis für die Freiheit der Medien

ist zum siebten Mal verliehen worden.
Nikolaikirche Heute abend ging der Preis an Akbar Ganji, Vasil Ivanov und Dr. Wolfram Weimer. Zum ersten Mal wurde der Preis am Vorabend der Demonstration vom 9. Okt. 1989 in Leipzig verliehen, die das Ende der DDR einläutete.
Vor der Verleihung durch die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig erinnerten die drei Preisträger daran, dass selbst in westlichen Demokratien die Presse durch juristische Mittel gehindert werde, ihre Funktion der Kontrolle von Staat und Wirtschaft auszuüben.
Weimer, Chefredakteur des Politikmagazins „Cicero“, warnte vor der Preisverleihung vor einer Aushöhlung des Quellenschutzes in Deutschland. Die Redaktionsräume der Zeitschrift und die Wohnung eines Redakteurs waren von Mitarbeitern des Innenministeriums durchsucht worden.

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Der Einschreibemarathon

…nähert sich kommende Woche dem Ende. 3 Wochen mit mehr als 1.000 Studis (“Kundenkontakte”) liegen dann hinter uns und ich persönlich habe gelernt, was “Selbstverwaltung” bedeutet. EinschreibungJedenfalls gab’s weder lange Schlangen noch Chaos auf den Gängen; dafür aber um so mehr Fragen zur Modulgestaltung. Modulnummern, Subseminare und Überschneidungen kann ich inzwischen auswendig herbeten: na wenn das mal kein universitärer Ertrag ist!

Vorrat an Pressefreiheit

Im Gesetzesverfahren zur Einführung einer Vorratsdatenspeicherung in Deutschland gab es kürzlich eine Anhörung vor dem Bundetagsausschuss. Eine – wie ich finde – seltene Allianz von ARD, BDZV, DJV, Deutscher Presserat, VDZ, Ver.di, VPRT und ZDF warnt vor der Beschädigung der Pressefreiheit durch das neue Gesetz.

“Die Umsetzung der Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung würde in der vorliegenden Fassung die Pressefreiheit in einem ihrer sensibelsten Punkte mit ungeahnter Intensität beschädigen.
Erstmals erhielten staatliche Stellen Zugriff auf alle elektronischen Kontakte von und mit allen Journalisten für die jeweils vergangenen sechs Monate. So könnte in Zukunft praktisch jede Veröffentlichung von Insider-Informationen zur Überprüfung der kompletten elektronischen Kontakte des Autors für das jeweils vergangene halbe Jahr führen. Die Abschreckungswirkung für potentielle Informanten ist offensichtlich. Ihnen bliebe kaum noch eine Möglichkeit vertraulicher Kontaktaufnahme mit Journalisten. Das Vertrauensverhältnis zwischen Informanten und Presse, ohne das Pressefreiheit in einer Vielzahl für die Demokratie äußerst bedeutsamer Fälle weitgehend leer läuft, wird so strukturell und flächendeckend beschädigt.”